Zukünftig Lernen (2): Die konstruktivistischen Rollen der Lehrenden

bricks-789888_1920 legoIm ersten Teil sind wir zum Schluss gekommen, dass die Lernenden (also Studierende, WorkshopteilnehmerInnen, usw.) im Vordergrund stehen. Lernen kann nicht erzwungen sondern nur durch entsprechende Lernumgebungen und Lernbedingungen ermöglicht werden. Daraus lassen sich die konstruktivistischen Rollen der Lehrenden ableiten: Geburtshelfer* bzw. eines sokratischen Maieut, Moderator, Irritationsagent sowie Forscher bzw. Expeditionsleiters.

Die erste Rolle des Lehrenden ist jene einer Art Geburtshelfer bzw. eines sokratischen Maieut wie es Pörksen (2014) nennt. Die Grundidee geht auf Sokrates zurück, und bezieht sich auf eine fragend entwickelnde Gesprächsführung. Der Lehrende fragt mehr als er antwortet, und versucht dabei die Lernenden in Aufruhr zu versetzen, ihren Geist anzuregen. In anderen Worten könnte man auch sagen, dass er die Lernenden aus der Komfortzone herausholen will. Der Begriff der Komfortzone bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man die eigenen bisher getroffenen Annahmen in Frage stellt, und es zulässt neue Information zu integrieren. Oder: Lernen stattfinden zu lassen.

Sollte die Verwirrung und Ratlosigkeit überhand nehmen, wechselt der Lehrende in die Rolle des Moderators. Er acht darauf, dass die Gesprächskultur eingehalten wird, dass Dialog stattfindet und mahnt nötigenfalls terminologische Genauigkeit ein. Er vertraut auf überraschenden Kräfte der Selbstorganisation der Lerngruppe. Als Qualitätsmaßstab dient nicht mehr die Menge des durchgenommenen Stoffes, sondern die Intensität der Beteiligung im Sinne der Erfüllung des dialogischen Prinzips.

Falls der Dialog in Richtung einer Lösung laufen sollte, tritt der Irritationsagent in Erscheinung. Er sollte die Lernenden dahingehend irritieren und wachsam halten, dass es keine einzig wahre Lösung geben kann. Er vertritt jedoch keinen eigenen Standpunkt, und stellt die anderen Meinungen oder den Konsens in Frage. Der Irritationsagent möchte die Vielzahl der Möglichkeiten aufzeigen, die hinter einer scheinbar eindeutigen Wirklichkeit stehen, welche sich mit Skepsis und Humor herauslesen lassen.

Die vierte Rolle ist jene des Forschers und Expeditionsleiters, welcher zwischen legitimen und illegitimen Fragen unterscheidet bzw. zu unterscheiden hat. Illegitime Frage sind – im Sinne Heinz von Foersters – Fragen, bei denen die Antwort im Vorhinein bereits bekannt ist. Demnach bestehen Tests und Prüfungen wo auswendig gelerntes Wissen abgefragt wird per se aus illegitimen Fragen. Legitime Fragen sind Fragen, wo die Antwort noch nicht bekannt ist und erst durch einen Schaffen und Gedankenprozess entsteht. In der Rolle des Expeditionsleiters versucht der Lehrende die Lernenden an legitime Fragen heran zu führen, welche durch die Beantwortung wiederum zu illegitimen Fragen werden und Bausteine für neue legitime Fragen bilden.

„Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind,

können wir entscheiden.“

(Heinz von Foerster)

Die Orientierung an den vier Rollen bedeuten für den Lehrenden jedoch nicht, dass er nicht mehr am neuesten Stand der wissenschaftlichen Entwicklung (state of the art) sein muss. Ein Lehrender sollte in seinem Fachgebiet entsprechend fit sein, um die Lernenden im Wechselspiel der vier Rollen an aktuelle legitime Fragen heranzuführen. Wissensvorsprung ist in diesem Kontext nicht mehr als Machtvorsprung zu verstehen, es sollte eher versucht werden auf Augenhöhe zu agieren. Lernen wird dann besser gelingen, wenn es gelingt das Thema, die Methode, die Herangehensweise aufzuspüren, jene Bedingungen sicherzustellen, mit der sich eine Lerngruppe am besten entwickeln kann.

 

Lesen Sie mehr:

Teil 1: Weg von Frontalunterricht & „Auswendiglernen“

Teil 3: Hin zum Erfahrungslernen

 

*  Die Rollen gib es natürlich auch in weiblicher Form.

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